Zu den Skulpturen von Mario Dalpra.

 

 

Die Skulpturen von Mario Dalpra geben auf den ersten Blick ihr Inneres nicht preis. Die Oberflächen sind glatt und makellos, die Formen angenehm und fließend.

 

Mario Dalpra hat seine Formensprache im Lauf der Zeit kontinuierlich entwickelt und erweitert. Ursprünglich von der Malerei kommend, die er an der Akademie der Bildenden Künste in Wien bei Arnulf Rainer studierte, umfasst sein Oeuvre mittlerweile eine große Anzahl an skulpturalen Werken. Seine Faszination für kulturelle Unterschiede und ihre große Vielfalt führte ihn bereits in viele Länder dieser Welt. Nachdem er einige Zeit in Brasilien verbrachte und dort viel über die Capoeira Tänzer und das Tänzerische in ihren Bewegungen gearbeitet hatte, unternahm er 1995 seine erste Reise nach Indonesien, wo er sich mehrere Monate mit Malerei beschäftigte. Basierend auf diesen beiden Reisen entstand die Idee, seine Zeichnungen und Gemälde auch dreidimensional umsetzen.

 

Seit 16 Jahren nun entstehen die Skulpturen in seinem Atelier in Indonesien, wobei das Prozesshafte der Entstehung für Mario Dalpra im Vordergrund steht. Basierend auf einer Zeichnung fertigt der Künstler ein Wachsmodell in Originalgröße an, welches anschließend mit einer Negativform aus Gips überzogen und danach ausgegossen wird. Hierbei verfolgt der Künstler einen konzeptuellen Ansatz: in erster Linie geht es ihm um die Idee zu dem Kunstwerk, die Ausführung kann auch eine andere Person übernehmen. So beschäftigt er vor Ort auch ein Team, bestehend aus einem Architekten, einem Gießer und einem Lackierer, die die Skulpturen in aufwendiger Handarbeit nach seinen Entwürfen realisieren.

 

Während Mario Dalpra früher noch mit Holz arbeitete, bestehen die Skulpturen der letzten Jahre ausschließlich aus Bronze und Aluminium. Präsentiert auf Sockeln unterschiedlicher Höhe ermöglichen sie dem Betrachter unterschiedliche Ansichten und Perspektiven. Zwei markante Merkmale sind allem Skulpturen gemein: alle bestechen einerseits durch ihre intensive, funkelnde Farbigkeit, andererseits durch ihre signifikante Form. In ihrer Ästhetik erinnern sie an Skulpturen von Künstlern wie Hans Arp, schauen aus wie die filigranen Geschwister der Werke von Henry Moore oder auch Anselm Reyle.

 

Farbe und Form werden von unserem Gehirn unabhängig voneinander verarbeitet. Erst innerhalb des Wahrnehmungsprozesses werden sie zu einer Einheit verknüpft. Das Zusammenspiel beider Faktoren ist für das Endergebnis entscheidend, so auch bei Mario Dalpra. Denn eine falsche Farbe kann dazu führen, dass die Form ihre volle Wirkung nicht entfalten kann. Mario Dalpra mischt die metallischen Farben selbst an. Diese können das Umgebungslicht reflektieren, aber auch absorbieren. Die Farbe bleibt dabei stets lebendig, da Licht und Schatten sich im Lauf des Tages auf den Werken stetig verändern.

 

In ihrer Form verbinden die Skulpturen verschiedene Aspekte. Es sind organische Formen, bei denen dem Betrachter Begriffe wie floral, filigran, tropfenförmig, weich, spielerisch oder surreal in den Sinn kommen. Und es sind menschliche Körperfragmente, die immer wieder den Bezug zu asiatischen Gottheiten und weiblichen Körpern herstellen. Eine große Inspirationsquelle bilden auch Momente des Alltags, Strandgut oder asiatische Tempelfiguren.

 

Einige der neuesten Skulpturen weisen Ecken und Kanten auf und wenden sich leicht vom Weiblichen ab. In der künstlerischen Fragestellung, die Oberflächen weiter zu verfremden, ändern sich die monochromen Oberflächen in gepunktete Strukturen und andere Muster.

 

Doch in erster Linie verbinden die Skulpturen den weiblichen Körper mit der Natur. Hier kommt der Gedanke an den Surrealismus auf, in dem die Frau als Muse Verkörperung eines Ideals und Projektionsfläche für männliche Wünsche war. Die Surrealisten gingen davon aus, dass Frauen aufgrund ihrer schöpfungsgegebenen engen Verbundenheit zur Natur und Mutter Erde intuitiv einen leichteren Zugang zum Unterbewusstsein, zu ihrem Innenleben hatten. Die Skulpturen von Mario Dalpra simulieren in ihrer Verbindung von menschlichen Körperfragmenten und Teilen ihrer äußeren Form zusammen mit floralen, sich wellenartig windenden Elementen Bewegung, Schwung und Simultaneität: Die auf dem menschlichen Rumpf stets fehlenden Köpfe werden durch Tentakelähnliche Strukturen ersetzt.

 

Trotz der ihnen innewohnenden Auflösung, z.B. vom menschlichen Körper zur Pflanzenstruktur, wirken die Skulpturen alles andere als amorph. Die Form bleibt stabil und die Oberfläche hart, was einen Kontrast zu der Verletzbarkeit der Figuren bildet. Es ist eine Verletzbarkeit, die weit unter die Oberfläche geht und eine innere Auflösung visualisiert. Mario Dalpras Skulpturen führen Außen- und Innenbilder zusammen. Unter der schönen Hochglanzoberfläche wird eine Aura, ein innerer Zustand sichtbar und fordert den Betrachter zu einer Reflexion über die Fragilität unseres Selbst auf.

 

 

Anna Wondrak
München, Oktober 2015